“Alles über Sally”

Geschrieben von Jule am 22. April 2010 | Abgelegt unter Belletristik

Arno Geiger ist ein großartiges Werk über die Ehe in der heutigen Gesellschaft gelungen. Und über die Position der heutigen Frau um die Fünfzig.

Ein Roman, der an Effi Briest und an Madame Bovary erinnert,  nicht nur  wegen der Frau in der Ehe auf der Suche nach Liebe und Erfüllung, sondern auch auf der sprachlichen Ebene. Die zahlreichen kleinen Hinweise, die die drückende Stimmung zum Ausdruck bringen, das Hindeuten auf das Sich-unwohl-fühlen der Protagonistin. Der Unterschied: die Frau im 21. Jahrhundert ist nicht mehr gefangen in den Koventionen des 19.Jh.

“Kürzere Tage” von Anna Katharina Hahn

Geschrieben von Jule am 11. April 2010 | Abgelegt unter Belletristik

Kürzere Tage ist das beste Buch, das ich in den letzten Monaten gelesen habe. Ich kenne keinen vergleichbaren Roman, der so gut die heutige deutsche Gesellschaft widerspiegelt. Eine Milieustudie in Romanform.

Die Autorin erzählt von mehreren Frauen und deren Streben nach Selbstverwirklichung. Der Leser beobachtet sie bei ihren vergeblichen Bemühungen, die perfekte Ehefrau und Mutter zu sein. Aber was ist eigentlich ein perfekt geführtes Leben? Man könnte meinen, es sei das des alten, kinderlosen Ehepaares Luise und Wenzel. Sie liebten sich auf ihrer goldenen Hochzeit noch genauso wie am Anfang, sind viel gereist, waren immer für einander da, haben bis ins Alter ein ausgefülltes Sexualleben und sowieso einen sehr geregelten Tagesablauf. Doch was ist von deren schönen Jahren noch übrig, wo sie alt und geplagt von Schmerz und Verfall in ihrer Wohnung hocken und eigentlich nur noch auf den Tod warten.

Der Roman ist schnell verschlungen, das Erzähltempo gerafft, was auch die Hektik der heutigen Gesellschaft ausdrückt. Eigentlich schade, denn ich hätte gerne noch mehr über  Judith, Leonie und Luise, in jungen Jahren, erfahren. Auch über die allein erziehende Hanna und wie es in Marcos Leben weiter geht.

Kürzere Tage hat mich dermaßen begeistert - ich fürchte, ich werde jetzt alle Freunde, Bekannte und Kunden so lange nerven, bis sie es gelesen haben. Manchmal muss man die Menschen zu ihrem Glück zwingen.

Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl

Geschrieben von Jule am 3. April 2010 | Abgelegt unter Belletristik

Ich hielt es ja anfänglich für einen Aprilscherz, als der Carlsen Verlag und 1live am 1.April die Veröffentlichung eines fünften Bandes der Twilight-Serie von Stephenie Meyer für den 5. Juni bekannt gaben. Was habe ich vorgestern gelacht, als binnen weniger Stunden über 15000 Einträge bei Google zu Biss zum ersten Sonnenstrahl auftauchten und verzweifelte Fans versuchten, dieses Buch vorzubestellen. Was für ein genialer Aprilscherz, dachte ich. Doch jetzt muss ich zugeben, dass es sich offenbar nicht um einen Spaß gehandelt hat. Stephenie Meyer hat bereits am 30. März auf ihrer Hompage eine Mitteilung zu ihrem neuen Buch gemacht. Obwohl die Geschichte so neu nicht ist. Es handelt sich eher um eine Kurzgeschichte, die sie schon vor den Twilight-Büchern geschrieben hat und die jetzt nachträglich veröffentlicht werden soll. Das klingt mir ganz nach Beedle dem Barden, von J.K. Rowling. Die Geschichte gab es nämlich auch schon vor den Harry-Potter-Bänden, wurde nachträglich veröffentlicht und groß angekündigt und war letztendlich eher enttäuschend, weil sie an Harry Potter nicht heranreichen konnte.

Drei Schriftstellerinnen

Geschrieben von Jule am 3. April 2010 | Abgelegt unter Biografie

In Schriftstellerinnen stellt der Baumhaus Verlag drei Frauen vor, die zu den erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren -innen der Welt gehören: Enid Blyton, Cornelia Funke und Joanne Rowling. Die Kurzbiografien lassen sich flüssig lesen, das Buch enthält zahlreiche Fotografien und Illustrationen. Es ist gleichermaßen für junge Leute und Erwachsene geeignet und zeigt, das Träume wahr werden können und was man mit genügend Phantasie alles erreichen kann. Hätten diese Frauen nach ihren ersten missglückten Versuchen, ihre Geschichten zu veröffentlichen, aufgegeben, würde es die beliebtesten Bücher der Kinder- und Jugendliteratur nicht geben!

Abedi: “Isola” - grandioses Jugendbuch

Geschrieben von Jule am 3. April 2010 | Abgelegt unter Belletristik

Nachdem mir immer wieder von den tollen Bücher Isabel Abedis vorgeschwärmt wurde und die Autorin regelmäßig in einem Atemzug mit Cornelia Funke, der Erfinderin der Tintenwelt, genannt wird, habe ich den Feiertag genutzt und Isola gelesen. Leider ist es ja so, dass ich mir als Buchhändlerin oft nicht die Zeit nehme, Autoren zu lesen, die sich von selbst gut verkaufen. Ein Fehler, wie ich heute feststellen musste, denn ich bin von dem Jugendthriller restlos begeistert.

Eine Gruppe von zwölf Jugendlichen wird für ein Filmprojekt a la Big Brother für drei Wochen auf eine kleine einsame Insel an der Küste vor Rio de Janeiro verfrachtet. Die jungen Leute dürfen nur  je drei Dinge mitnehmen, die ihnen wichtig sind. Was sie auf der Insel genau tun sollen und was sie dort erwartet, wissen sie jedoch vor Antritt der Reise nicht. Lediglich, dass sich überall Kameras befinden und sie rund um die Uhr beobachtet werden. Schon nach kurzer Zeit müssen die Zwölf jedoch feststellen, dass sich das, was sich anfangs nach Spaß und Abenteuer angehört hat, zu einem Alptraum entwickelt, in dem es um Leben und Tod geht.

Abedi schreibt spannend  und fesselnd; ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, bevor ich nicht wusste, ob und wer überhaupt noch heile von der Insel herunter kommt. Es ist übrigens gerade als Taschenbuch erschienen für 9,95€ bei Arena.

Burnout

Geschrieben von Jule am 21. März 2010 | Abgelegt unter Biografie

Prof. Dr. Miriam Meckel, bekannt als Powerfrau, erfährt Burnout. Sie war u. A. Staatsekretärin für Europa, hat zahlreiche Bücher und journalistische Artikel verföffentlicht, unterrichtet an einer Universität - ihre Energie schien schier endlos. In ihrem neuesten Buch Brief an mein Leben - Erfahrungen mit einem Burnout schildert sie den Umgang mit ihrem Zusammenbruch und den anschließenden Versuch, bewusst zu leben und das Leben zu genießen, anstatt daran vorbei zu rauschen.

Beim Lesen wird einem bewusst, dass es eigentlich jeden von uns treffen könnte. In der heutigen Gesellschaft wird von den Menschen erwartet, dass sie funktionieren, Schwächen zeigen ist unerwünscht und vor allem sollen wir multitaskingfähig sein. Am Anfang schildert die Autorin einen typischen Sonntag von sich. Ein Tag, an dem sie glaubte, sie würde zu Hause gemütlich entspannen. Viel lesen, wenig Internet und kaum telefonieren. Erst im Nachhinein ist ihr aufgefallen, dass sie sich selten vollkommen auf ihre Lektüre einlassen konnte, dass sie statt dessen ständig mit ihren Gedanken abgeschweift ist, Passagen noch mal lesen musste und zwischendurch dauernd ihre Mails und ihr Handy checkte. Geht es nicht mittlerweile vielen von uns ähnlich? 

Das sehr persönliche Buch lädt ein zum Innehalten und und zum Nachdenken darüber, was in unserem Leben wirklich wichtig ist oder wichtig sein sollte.

Ein Roman für Buchliebhaber

Geschrieben von Jule am 12. März 2010 | Abgelegt unter Belletristik

Frisch auf deutsch erschienen ist “Der Hochstapler” von David Belbin. Ein grandioser Roman über einen jungen Mann, der gerne Schriftsteller werden möchte, dem es jedoch nicht gelingt, seinen eigenen Schreibstil zu finden. Stattdessen entdeckt er sein Talent, den Stil berühmter Autoren fälschen zu können.

Als seine Mutter verstirbt, begibt sich Mark Trace nach London, um zu studieren. Doch das Studium befriedigt ihn nicht. Er hat niemanden, dem er sich anvertrauen kann. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt und Freunde hat er auch keine. Im Umgang mit anderen Menschen ist er eher unbeholfen und schüchtern.

EInes Tages beginnt er, für die “Little Review” zu arbeiten. Ein Londoner Literaturmagazin, dass seine besten Tage in den 50ern und 60ern des 20.Jahrhunderts hatte. Der mittlerweile sehr gealterte Herausgeber hortet noch so einige Überbleibsel aus besseren Zeiten im Archiv, u. A. Texte von berühmten Schriftstellern wie Graham Greene

Als das Magazin kurz vor der Pleite steht, begibt sich Mark auf dünnes Eis und verfasst Kurzgeschichten im Stile von Roald Dahl und Graham Greene, die er veröffentlichen möchte als alte Texte, die er im Archiv der “Little Review” aufgetan hat. Und die Welt springt darauf an…

Der Roman ist spannend geschrieben und die Idee des Autors, eine Geschichte über Literaturfälschungen zu schreiben, ist hochgradig interessant. Im Buch selbst heißt es, dass seit Menschengedenken Kunstfälschungen das Aufsehen der Welt erregen, Literaturfälschungen jedoch nur selten auftauchen, abgesehen von z. B. den gefälschten Hitler-Tagebüchern.

Bei der Lektüre bekommt man Lust, so mache Klassiker noch mal zu lesen und sich mit den jeweiligen Stilen der Autoren zu befassen. Belbin gelingt es, ein passendes Maß an Fiktion und Realität zu vermischen, ohne dass es aufgesetzt wirkt.

Literaturzitat

Geschrieben von Jule am 19. November 2009 | Abgelegt unter Literaturzitate

Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.

Hermann Hesse

Gossip Girl - verkommt die Jungend?

Geschrieben von Jule am 18. November 2009 | Abgelegt unter Belletristik, Literaturverfilmungen

Mädchen im Teenageralter (nicht nur die wenig belesenen, auch die belesenen) haben in den letzten Jahren immer “Freche Mädchen - Freche Bücher”-Bücher gekauft. Das fand ich okay, schließlich haben meine Freundinnen und ich in dem Alter  die Groschen-Liebesromane aus dem Supermarkt gelesen und aus uns ist ja auch was geworden. ;-)

Seit einiger Zeit geht der Trend aber radikal zu “Gossip Girl“, einer Buchreihe von Cecily von Ziegesar, die mittlerweile auch erfolgreich als Serie im TV läuft. Pubertierende Mädchen scheinen mittlerweile so besessen von den Geschichten des Gossip Girls, dass ich dachte, ich schau mir mal eine Folge an, um mitreden zu können. Nebenbei habe ich dann tatsächlich auch noch in eins der Bücher reingelesen, mit dem Fazit, dass aus der heutigen Jugend leider nichts mehr werden kann. Zugegebenermaßen habe ich sowohl das Schauen der ersten Folge, wie auch das Lesen schnell wieder aufgegeben, weil ich es so Grauen erregend fand. Sich mobbende reiche It-Girls, die über nichts anderes reden können, als Mode, Make-Up, ihre Frisuren und sich gegenseitig die Augen auskratzen. Anschließend habe ich mich gefragt, ob ich in dem Alter auch so war bzw. auf solche Storys abgefahren bin und habe mir doch gleich noch die erste Folge “Beverly Hills 90210” von, ich glaube, 1990 angeschaut. Meine -damals- absolute Lieblingsserie. Und ich muss zugeben, das war auch nicht viel besser. Mode, Zicken-Kicken, sich gegenseitig die Jungs wegschnappen und gleich in der ersten Folge präsentiert die 17-jährige Kelly voller Stolz ihre frisch operierte neue Nase. Okay, mehr Toleranz für pubertierende Kinder - denn sie wissen nicht was sie tun.

In dem Zusammenhang könnte ich noch was für verzweifelte Eltern empfehlen: “Der Pubertist” von Helmut Schümann. Ein Überlebenshandbuch für Eltern.

Lloyd Jones’ “Mr. Pip”

Geschrieben von Jule am 23. Oktober 2009 | Abgelegt unter Belletristik

EIn Buch, das mir sehr am Herzen liegt, ist gerade in der Taschenbuchausgabe erschienen.

Die Geschichte spielt in der heutigen Zeit auf einer tropischen Insel. Erzählt wird sie aus der Perspektive eines jungen Mädchens.

Die schwarzen Einheimischen leben friedlich in ihrem 60-Seelen-Dorf am Strand, nahe des Dschungels, als Soldaten einfallen und die Menschen bedrohen. Unter den Schwarzen lebt ein Weißer, der eine Einheimische geheiratet hat. Als aufgrund der Blockade kein Schulunterricht mehr für die Kinder stattfindet, beschließt Mr. Watts, der nun einzige Hellhäutige, die Kinder zu unterrichten. Da es an Lehrmaterial mangelt, beschleißt er, den Schülern aus seinem Lieblingsbuch, Große Erwartungen, von Charles Dickens, vorzulesen. Täglich liest er ein Kapitel und führt die Kinder somit in eine andere, ihnen bisher völlig unbekannte, Welt. Er lenkt sie von den schrecklichen Dingen ab, die sich seit des Einfalls der Soldaten auf der Insel zutragen. Matilda, die Ich-Erzählerin, ist besonders gefesselt von der Geschichte des Pip, sie schließt regelrecht Freundschaft mit der fiktiven Figur und versucht, ihre Mutter für das Buch zu begeistern. Die jedoch hält die Bibel für das einzige wichtige Buch, mit dem man sich beschäftigen sollte. Mr. Watts Bemühungen, den Kindern „Große Erwartungen“ nahe zu bringen, möchte sie mit allen Mitteln ein Ende bereiten. Sie hält es für vollkommen unnötig, ja sogar teuflisch und kann sich nicht vorstellen, dass diese Literatur von irgendeinem Nutzen sein kann. In der Welt, in der sie lebt, hat nur Bedeutung, was auch einen sichtbaren Nutzen bringt und sie und sie wirft ihrer Tochter vor, dass man mit der Geschichte um Pip keinen Fisch an die Angel bekommt und keine Banane schälen kann. Die Bedeutung und die Wichtigkeit der Geschichte für die Kinder und für Mr. Watts kann sie sich nicht vorstellen.

In dem Buch geht es um die Bedeutung von Geschichten und ihrem Nutzen für die Menschen, auch wenn es kein sichtbarer oder materieller Nutzen ist. Es geht um Verrat und Liebe, um Mut und um Feigheit. Letztere soll nicht verurteilt werden, denn manchmal handeln die Menschen falsch, tun dieses aber in dem Glauben, das einzig Richtige zu tun.

Die Geschichte zeigt, dass einem alles genommen werden kann, aber nicht die Gedanken und das Wissen, das man im Geist mit sich trägt. Das Erschaffen von Phantasiewelten im Kopf kann Leben retten, aber auch Leben kosten. Auf jeden Fall können selbst erschaffene geistige Welten das Leben erleichtern und schöner machen. Z. B. wenn man glaubt, die Realität nicht mehr ertragen zu können. Während man sich in die selbst erschaffene Welt begibt, darf man jedoch den Blick für die Realität nicht verlieren, die Grenzen sollen nicht verwischen. 

Ein wunderbarer Roman, schön, aber auch schrecklich in Anbetracht der Dinge, die sich auf der Insel abspielen. Ein Muss für jeden, der findet, dass Bücher, mit ihren Geschichten, lebenswichtig sind.

Nächste Einträge »