Lloyd Jones’ “Mr. Pip”
Geschrieben von Jule am 23. Oktober 2009 | Abgelegt unter Belletristik
EIn Buch, das mir sehr am Herzen liegt, ist gerade in der Taschenbuchausgabe erschienen.
Die Geschichte spielt in der heutigen Zeit auf einer tropischen Insel. Erzählt wird sie aus der Perspektive eines jungen Mädchens.
Die schwarzen Einheimischen leben friedlich in ihrem 60-Seelen-Dorf am Strand, nahe des Dschungels, als Soldaten einfallen und die Menschen bedrohen. Unter den Schwarzen lebt ein Weißer, der eine Einheimische geheiratet hat. Als aufgrund der Blockade kein Schulunterricht mehr für die Kinder stattfindet, beschließt Mr. Watts, der nun einzige Hellhäutige, die Kinder zu unterrichten. Da es an Lehrmaterial mangelt, beschleißt er, den Schülern aus seinem Lieblingsbuch, Große Erwartungen, von Charles Dickens, vorzulesen. Täglich liest er ein Kapitel und führt die Kinder somit in eine andere, ihnen bisher völlig unbekannte, Welt. Er lenkt sie von den schrecklichen Dingen ab, die sich seit des Einfalls der Soldaten auf der Insel zutragen. Matilda, die Ich-Erzählerin, ist besonders gefesselt von der Geschichte des Pip, sie schließt regelrecht Freundschaft mit der fiktiven Figur und versucht, ihre Mutter für das Buch zu begeistern. Die jedoch hält die Bibel für das einzige wichtige Buch, mit dem man sich beschäftigen sollte. Mr. Watts Bemühungen, den Kindern „Große Erwartungen“ nahe zu bringen, möchte sie mit allen Mitteln ein Ende bereiten. Sie hält es für vollkommen unnötig, ja sogar teuflisch und kann sich nicht vorstellen, dass diese Literatur von irgendeinem Nutzen sein kann. In der Welt, in der sie lebt, hat nur Bedeutung, was auch einen sichtbaren Nutzen bringt und sie und sie wirft ihrer Tochter vor, dass man mit der Geschichte um Pip keinen Fisch an die Angel bekommt und keine Banane schälen kann. Die Bedeutung und die Wichtigkeit der Geschichte für die Kinder und für Mr. Watts kann sie sich nicht vorstellen.
In dem Buch geht es um die Bedeutung von Geschichten und ihrem Nutzen für die Menschen, auch wenn es kein sichtbarer oder materieller Nutzen ist. Es geht um Verrat und Liebe, um Mut und um Feigheit. Letztere soll nicht verurteilt werden, denn manchmal handeln die Menschen falsch, tun dieses aber in dem Glauben, das einzig Richtige zu tun.
Die Geschichte zeigt, dass einem alles genommen werden kann, aber nicht die Gedanken und das Wissen, das man im Geist mit sich trägt. Das Erschaffen von Phantasiewelten im Kopf kann Leben retten, aber auch Leben kosten. Auf jeden Fall können selbst erschaffene geistige Welten das Leben erleichtern und schöner machen. Z. B. wenn man glaubt, die Realität nicht mehr ertragen zu können. Während man sich in die selbst erschaffene Welt begibt, darf man jedoch den Blick für die Realität nicht verlieren, die Grenzen sollen nicht verwischen.
Ein wunderbarer Roman, schön, aber auch schrecklich in Anbetracht der Dinge, die sich auf der Insel abspielen. Ein Muss für jeden, der findet, dass Bücher, mit ihren Geschichten, lebenswichtig sind.